Tagebuch

06Okt

Ein Herbst im Zeichen der Teamwettkämpfe

Vor knapp 2 Wochen begann für mich mit den Schweizermannschaftsmeisterschaften ein happiges Programm. In Niederlenz turnte ich erstamls in meiner Karriere nicht für ein Aargauer-Team, sondern stand für Luzern 1 am Start, da ich seit anfangs Jahr im dort ansässigen Leistungscenter trainiere. Mein neues Team war der Titelverteidiger und dementsprechend hoch waren auch unsere Ziele. Mindestens eine Medaille, im Idealfall die Goldene, lautete die Devise.

Am Startgerät Boden beschränkte ich mich aufs Anfeuern meiner Kollegen, die einen meisterlichen Start hinlegten. Beim 2. Gerät, dem Pferdpauschen, stieg auch ich ins Rennen ein. Wenn zum Teil auch etwas holprig, gelang es uns immerhin Stürze zu vermeiden, was gerade am Pferd, dem Zittergerät, vorentscheidend sein kann. Ohne Probleme spulten wir unser Programm an den Ringen runter. Nach hervorragender Leistung am Sprung konnten wir erstmals im Wettkampf die Führung übernehmen. Der Kurs stimmte somit und wir waren durchaus in der Lage, die Position auch bis zum Schluss aus eigener Kraft zu verteidigen, wenn wir weiterhin so souverän turnen würden.

Doch genau dies konnten wir am Barren nicht bewerkstelligen. Mehrere Stürze und grobe Fehler banden uns zurück. Die abschliessend gute Reckleistung konnte den verturnten Barren auch nicht mehr kompensieren und wir fanden uns auf dem undankbaren 4. Rang wieder. Besonders ärgerlich waren die knappen Abstände. Um aufs Treppchen zu steigen, fehlte uns ein winziger Zehntelspunkt… Für den Sieg hätte ein Punkt mehr gereicht. 4 Teams innerhalb eines Punktes… ich kann mich nicht an eine solch knappe Entscheidung in einem Teamwettkampf  während meiner Laufbahn erinnern.

Dass ich an den 5 Geräten, an denen ich im Einsatz stand, ohne Sturz und grobe Unsauberkeiten über die Runden kam, wäre somit eine durchaus respektable Leistung gewesen. In einem reinen Teamwettkampf zählt aber einzig und allein die Mannschaft und die eigene Leistung ist ein Puzzlestück davon und bot daher in diesem Fall nur wenig Trost.

Glücklicherweise blieb mir gar keine Zeit, mich zu grämen, denn bereits eine Woche später, also letzten Samstag, stand der nächste Wettkampf auf dem Programm. Um kurz auszuholen: Im Sommer wurde ich von mehreren deutschen Teams angefragt, ob ich an Bundesliga-Einsätzen interessiert wäre. (In Deutschland dürfen anders als in der Schweiz Ausländer eingesetzt werden, wovon viele Teams auch Gebrauch machen.) Ein wenig verblüfft und auch geehrt durch die Anfragen entschied ich mich, für den KTV Ries anzutreten. Die Mannschaft hat ihre Trainings-und Wettkampfhalle in Nördlingen, welches in Bayern liegt. Die KTV Ries ist seit bald einem Jahrzehnt eine feste Grösse in der 2. Bundesliga-Süd und verpasste letztes Jahr sogar den Aufstieg in die oberste Klasse nur knapp. Nach dem Start für Luzern sind somit die Bundesliga-Einsätze eine weitere Premiere für mich.

Da ich einige Kilometer hinter mich zu bringen hatte und auch mit meinen neuen Teamkollegen das Abschlusstraining bestreiten wollte, reiste ich bereits am Freitag an. Ein weiterer Vorteil meiner frühen Anreise war auch, dass mir der Modus ausführlich erklärt werden konnte. Anders als bei uns, starten 8 Mannschaften in der gleichen Liga. Geturnt wird nicht an  einem einzigen Wettkampf, sondern immer nur 2 Mannschaften treten gegeneinander an. Da jede Mannschaft gegen jede andere Mannschaft turnt, gibt es somit 7 Wettkämpfe pro Jahr, welche alle im Herbst stattfinden.

Anders ist auch, wie bereits erwähnt, der Modus. Die 2 Mannschaften können pro Gerät je 4 Turner einsetzten, welche in einem Direktduell aufeinander treffen. Der Sieger erhält Scorerpunkte, welche sich aus dem Notenunterschied ergeben. Die Mannschaft, die nach 6 Geräten mehr Scorerpunkte hat, gewinnt. Es ist also durchaus möglich, dass man zwar, wenn man alle Noten zusammenzählt, ein tieferes Resultat hat, aber mehr Scorerpunkte gesammelt hat und dann gewonnen hat. Als Turner weiss man nie genau, wann man gegen wen man ans Gerät muss, da dies taktische ad-hoc Entscheide sind. Weiter erschwerend kommt dazu, dass man nicht vor jedem Gerät ein kleines Einturnen hat. Klingt ziemlich kompliziert, ist aber äusserst spannend, sowohl für die Turner, wie auch die Zuschauer.

Mein Einstand glückte mir sehr gut. Am letzten Gerät konnte unsere Mannschaft gegen Ulm den Spiess noch umdrehen und gewinnen. Bis auf Boden turnte ich sehr solide und konnte die Duelle immer für mich entscheiden. Nach dem Wettkampf wurde ich noch als Top-Scorer (meiste gemachte Punkte) ausgezeichnet, was mich besonders freute.

Bereits morgen geht es für den nächsten Einsatz wieder nach Nördlingen, wo ich nach dem Auswärts-Auftakt mein Debüt vor heimischem Publikum geben werde. Wir turnen gegen Monheim, was, wie man mich vorwarnte, der Erzrivale ist und im Schweizer-Fussball vom Derbycharakter vergleichbar mit FCZ-GC ist. Dass bei einer solchen Affiche die Halle ausverkauft ist, erklärt sich von selbst….

Nebst meinem eigenen Einsatz, werde ich natürlich auch die WM in Tokyo, die morgen beginnt, äusserst interessiert mitvervorfolgen und den Schweizern die Daumen drücken. Dass ich an diesem Sonntag-Morgen um 7 Uhr auf der Matte (nicht in der Turnhalle, sondern vor dem Fernseher oder Laptop) stehen werde, wenn unsere Mannschaft zur Quali antritt, ist für mich ein Muss, selbst wenn aus der Ferne zuschauen und mitfiebern die nervlich weitaus grössere Belastung ist, als selbst ans Gerät zu müssen. Immerhin geht es darum, dass die Schweizer unter die besten 16 kommen, um die Olympiachancen zu wahren, was mich allenfalls mittelbar auch betrifft…

Go KTV Ries, Hopp Schwiiz!!!

En liebe Gruess

Mark